He! Norderney - Juli 2012

Inhalt

  • Projekt Stolpersteine: „Es war wie ein Buch“
  • Ansichtssache: Jagd auf Seehunde
  • Besuch im Garten des Bundespräsidenten
  • Schnelle Hilfe im Osten
  • Rätselauflösung
  • Umweltschutz bei Yachten und Motorbooten
  • Skulpturengarten auf Zeit
  • Kolumne: Meine Insel
  • SV Werder gegen Ostfriesland
  • Kleingartenverein: „Welkom in het hol van de Leeuw“

He! Norderney - Juli 2012 als PDF (9.7 MB)


(Textauszug) Projekt Stolpersteine: „Es war wie ein Buch“

Von Dirk Kähler

Ein ganzes Jahr lang haben sich Norderneyer Schülerinnen und Schüler mit der jüngeren Norderneyer Geschichte beschäftigt und nach ehemaligen jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürgern gesucht. Vieles von dem, was sich die Schüler der Kooperativen Gesamtschule mühsam erarbeiteten, ist in Büchern beschrieben, also streng genommen nicht neu – wohl aber für die Schüler.

Mit ihrer Arbeit haben die Mitglieder des Wahlpflichtkurses Geschichte jetzt dafür gesorgt, dass auf Norderney an diese Menschen erinnert werden wird. Für vier ehemalige Norderneyer Bürgerinnen und Bürger sollen Stolpersteine vor ihren Wohnhäusern verlegt werden. Außerdem wurde eine Ausstellung erarbeitete, um auch die Mitschüler teilhaben zu lassen.

Die zehn Schülerinnen und Schüler der KGS haben sich bewusst für das Thema entschieden. Die Zeit des Nationalsozialismus war zwar aus dem Unterricht kein fremdes Gelände mehr, aber die Jugendlichen wollten wissen, wie sich die Geschichte auf ihrer Heimatinsel zugetragen hat. Dazu gingen sie in das Stadtarchiv, forschten in Büchern und luden sich auch einen Zeitzeugen ein, der selbst als Junge die Nazizeit erlebte. Der Norderneyer Bonno Eberhardt besuchte die Gruppe und gab bereitwillig Auskunft.

Auch Grundlagenwissen wurde erarbeitet. So beschäftigten sich einzelne Teilnehmer und Teilnehmerinnen des Kurses mit dem SS-Chef Heinrich Himmler und mit Hitlers Pamphlet „Mein Kampf“. Auch die im November 2011 auf Norderney vorgestellte Doktorarbeit von Ingeborg Pauluhn zur jüdischen Zuwanderung und Vertreibung auf Norderney war eine wichtige Informationsquelle für die Norderneyer Jugendlichen.

Bei ihren Nachforschungen machten die zehn Schülerinnen und Schüler überraschende Entdeckungen und auch gute Erfahrungen, wie Zitate der Kursteilnehmer verdeutlichen:

„Mich hat überrascht, dass Hitler es geschafft hat, den Hass so zu entfachen. Die haben ja vorher zusammen gelebt.“

„In diesem Kurs war es ja auf Norderney bezogen. Es macht betroffen, dass so etwas auch auf Norderney passiert ist.“

„Es nimmt einen mit, wenn man hört, ‚Ja, den habe ich gekannt, der war zehn Jahre alt, als er abtransportiert wurde’.“

„Ich wusste anfangs kaum Bescheid. Es hat mich erstaunt, wie schlimm es war.“

„Was ich schön fand, war dass die meisten Norderneyer nicht dafür waren. Es ist schön zu hören, dass nicht jeder Mensch gegen Juden war.“

Das Motiv der Versöhnung tauchte immer wieder bei den Schülerinnen und Schülern auf. Auch bei der Gesprächsrunde mit den Jugendlichen, die diesem Artikel zugrunde lag, war den Teilnehmern wichtig, dass der Judenhass gerade auf Norderney eben nicht hoch angesehen war.

Die Schüler waren dabei beeindruckt davon, dass die Judenfeindlichkeit auf den Nachbarinseln schon vor der Machtergreifung durch die Nazis verbreitet war. „Ich fand das erschreckend“, so eine Stimme aus dem Kurs.

Die Norderneyer hätten sich viel offener gezeigt und damit ermöglicht, dass Juden auf Norderney Urlaub machen konnten und in der Folge auch Juden hier ihre Geschäfte betrieben. Dabei hätten die Norderneyer erkannt, dass sie selbst davon profitierten, lautete eine weitere Erkenntnis der Jugendlichen. Sie erfuhren auch etwas über frühere Lebenswelten. Etwa, wie viele Menschen dicht auf einem Haufen wohnten. Aber auch, wie vielfältig das jüdische Geschäftsleben auf der Insel gewesen sein muss. „Ich war von den bloßen Zahlen überrascht“, sagt eine Schülerin. Die Gemeinde war so groß, dass am Tag zwei Gottesdienste in der Norderneyer Synagoge abgehalten wurden.

Immer wieder stießen die Jugendlichen auf Zeugnisse der Mitmenschlichkeit. Norderneyer etwa, die ihren jüdischen Mitbürgern Lebensmittelpakete zusteckten, als dies schon nicht mehr ungefährlich war. „Die mussten doch auch Angst haben, dass sie einen Kopf kürzer gemacht werden“, sagt eine Kursteilnehmerin. Berührend fanden die Schüler die Berichte der Norderneyer Jüdin Margot Levi, die in Berlin versteckt überlebte und für die Briefe und Pakete dorthin mitgenommen wurden. „Die Norderneyer haben die Juden nie vergessen“, so die Jugendlichen. Dazu passte, dass es vor allem SA-Männer vom ostfriesischen Festland waren, die auf der Insel am Tag der Reichs-Pogromnacht jüdische Geschäfte zerstörten und die jüdischen Mitbürger öffentlich zur Schau stellten. Norderneyer Namen der Täter sind in diesem Zusammenhang ebenfalls bekannt, doch die Jugendlichen haben sich entschlossen, die Namen nicht zu veröffentlichen, da Enkel und Urenkel der Täter von damals heute ihre Mitschüler sind. Sie sollen nicht bloßgestellt werden.

Als Symbol für das Ausstellungsplakat wählten die Jugendlichen ein typisches Grabsteinsymbol für jüdische Geistliche: segnende Hände, die der Nachwelt entgegen gehalten werden.

Das erklärte Ziel des Kurses war von Anfang an, nach geeigneten Orten für sogenannte Stolpersteine zu suchen. Mittlerweile liegen schon in 700 Orten in Deutschland, Polen, Österreich, der Ukraine und in anderen Ländern rund 32.000 Stolpersteine vor den Wohnorten von Menschen, die dem Holocaust zum Opfer gefallen sind – also der gezielten und geplanten Tötung jüdischer Mitbürger in der Zeit des Nationalsozialismus. Die Idee dazu hatte der Künstler Gunter Demnig.

Bei den Stolpersteinen handelt es sich um Nachbildungen von Pflastersteinen aus Messing, die in das Gehwegpflaster verlegt werden und als Inschrift die Namen und Lebensdaten der ermordeten Hausbewohner tragen. Die Kriterien für die Auswahl der Namen sind streng. Damit soll sichergestellt werden, dass das Projekt inhaltlich nicht angreifbar wird. Etwa von Menschen, die die Massenvernichtung der europäischen Juden leugnen. So müssen die ausgewählten Personen nachweislich fest in dem beschriebenen Haus gewohnt und Opfer des Naziterrors sein. Dies können auch Sinti und Roma, politisch verfolgte oder Homosexuelle sein sowie weitere von den Nazis verfolgte Menschen.

Als verantwortlicher Lehrer hat Sascha Freese das Projekt begleitet und ist begeistert von seinen Schülern. Trotz aller Widerstände seien sie immer wieder motiviert gewesen. Freese: „Es war eigentlich immer auf Messers Schneide. Im Grunde hat es sich erst zum Schluss zu einem Bild zusammengefügt.“

Eine Schülerin sagt das so: „Je mehr wir herausgefunden haben, desto interessanter wurde es. Es war wie ein Buch. Es wurde immer spannender.“

Für Freese war interessant, wie sich die älteren Norderneyer verhalten haben, auch zu der Idee der Stolpersteine. Freese: „Es kam eigentlich immer nur positives Feedback. Ermutigung, Angebote.“

Als Standorte für Stolpersteine wurden vorgeschlagen:
Rebecca Hoffmann (geb. Wallheimer), Bismarckstraße 4
Rosette Klompus (geb. Jacoby), Strandstraße 9
Clementine Lemmersmann (geb. Fröhlich), Luisenstr. 7
Karl Müller, Herrenpfad 2

Die Kosten von 120 Euro pro Stein werden von Sponsoren übernommen.